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Keine Chance ohne klare Kontraste

Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden lässt Gesunde einmal in die Rolle Betroffener schlüpfen

Quelle: Badisches Tagblatt vom 11.03.2017    Von Daniela Jörger

"Sie dürfen sich Ihre eigene Sehbehinderung aussuchen", sagt Janine Aleksov. Die Fachkraft der Blinden- und Sehbehindertenrehabilitation für Orientierung und Mobilität beim Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden in Freiburg bietet großzügig ein Körbchen mit einem ungewöhnlichen Inhalt an: Einer Auswahl an Brillen, die - anders als im Normalfall - das Sehen nicht verbessern, sondern verschiedene Sehbehinderungen simulieren. Ich entscheide mich dafür, einmal die Schwierigkeiten eines an altersbedingter Makula-Degeneration (AMD) erkrankten Menschen zu erleben. Meine Mitstreiterin an diesem Tag schlüpft in die Rolle eines Katerakt-Betroffenen (Grauer Star).

Schon der Gang über die Treppe bis in den ersten Stock wird zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Was in meinem Alltag nicht der Rede wert ist, erweist sich mit der speziellen Brille, die eine starke Sehbehinderung simuliert, als überaus unsicher. Treppengeländer und -stufen verschwimmen ebenso wie ansonsten deutliche Konturen vor meinen Augen zu einem sumpfigen Einheitsbrei, ich tapse langsam und vorsichtig voran. Der blinde Fleck in der Mitte meines Sehfelds ist zudem ausgesprochen unangenehm. Auf dem kurzen, aber beschwerlichen Weg in den Übungsraum ist mir ein helles Band, das sich deutlich vom übrigen Boden abhebt, eine klare Hilfe.

Und damit habe ich schon die erste wichtige Erfahrung gemacht. Deutliche Kontraste sind das Thema für stark sehbehinderte Menschen. Eine Erfahrung, die sich anschließend im Übungsraum noch mehrfach verblüffend erleben lässt.

Möglich macht dies der Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden, der in seinen Räumen in Freiburg-Herdern nicht nur Schulungen für Betroffene anbietet, sondern auch sehende Menschen einmal erleben lässt, wie die Welt mit Tunnelblick, Grauem und Grünem Star, diabetischer Retinopathie oder Retinopathia Pigmentosa aussieht - alles Sehbehinderungen, die jeden treffen können und oft im Alter auftreten. „Alles, was man selbst erlebt hat, versteht man besser. Das ist effektvoller als mancher Vortrag", weiß Janine Aleksov. Selbst war sie mit den Spezialbrillen während ihrer Ausbildung wochenlang unterwegs. Der Verein möchte damit das Verständnis für sehbehinderte Menschen im Alltag fördern und zum Nachdenken bei der Gestaltung öffentlicher Flächen anregen. Und die Resonanz ist gut: Schüler, Pflegekräfte, Fahrer von Bussen und Straßenbahnen sowie Mitarbeiter von Behörden zählen unter anderem zum Kreis der Interessenten. „Es gibt bei allen einen Aha-Effekt: Oje, ich sehe nichts", erzählt Aleksov.

Im Schulungsraum angekommen, warten auf die Teilnehmer vier Tische mit jeweils zehn bis 15 Alltagsgegenständen platziert auf verschiedenfarbigen Untergründen. Pures Holz, eine rote und eine bunte Tischdecke sowie eine silberne Folie sind die Unterlagen für Teller, Tasse, Wollknäuel, Glas, Besteck, Bürste, Babyschuhe, Geschenkpapier, Haargummis, Dose, Plastikbox, Dosenmilch und vieles mehr. Schnell wird mir endgültig klar, welch eine entscheidende Rolle die Kontraste spielen. Während ich die rote Kaffeetasse mit grünem Unterteller auf dem hellen Holztisch gut erkenne, ahne ich bei der durchsichtigen Plastikbox mit weißen Wattestäbchen auf der Silberfolie nicht einmal, um was es sich handeln könnte. Ebenso schwierig sind auf dieser Unterlage eine silberne Dose, eine Plastiktüte oder eine Plastikbox mit weißen und silbernen Geschenkschleifen zu erkennen.

Aber auch die bunte Tischdecke ist - obwohl in starken, konträren Farben gehalten -  tückisch. Ein rotes Wollknäuel, Babyschuhe, ein knalliger Plastikbecher und anderes darauf bleiben mir verborgen. Ebenso scheitere ich an einer Palette kleiner Dosenmilch-Döschen. Ich habe nicht einmal eine Ahnung, was es sein könnte. Ebenso ergeht es mir mit einem Bilderrahmen, einem Schwamm und einer Brille. Als schon gefährlich erweist sich der hohe silberne Küchenrollen-Halter, den ich komplett übersehe und mir (fast) in die (geschützten) Augen ramme.

„Bei AMD bleibt die räumliche Orientierung erhalten, das Blickzentrum verschwimmt. Im Spätstadium sind zum Beispiel Gesichter und Schilder nur noch schemenhaft zu erkennen", erklärt die Reha-Trainerin. Partielle Gesichtsfeldausfälle, verblasste Farben, schlechte Kontraste und verschwommenes Sehen wie durch einen Schleier gehören je nach Art der Erkrankung zu den Folgen, mit denen die Betroffenen durch ihren Alltag gehen müssen. „Hilfe gibt es durch Größe, Form, Kontraste, Licht sowie die räumliche Positionierung", ergänzt Janine Aleksov, „bunte Becher sind zum Beispiel besser zu erkennen als Gläser, ein Glas auf einem roten Untersetzer besser als auf einer hellen Decke." Was im räumlich begrenzten Übungsraum noch einigermaßen zu handhaben ist, birgt im öffentlichen Raum manche Gefahren: Schon der Gang zum Bäcker kann zum Abenteuer werden. „Zum Beispiel Treppen mit Licht und Schattenbereichen, Plätze und Straßen ohne Kanten beziehungsweise Bordsteine und schwer erkennbare Hindernisse können für Blinde und Sehbehinderte gefährlich werden", weiß Aleksov, die sich von Planern mehr Rücksichtnahme für diese Menschen wünscht. Design stehe dabei häufig konträr zu Sicherheit.

Zum Schluss setze ich noch eine Brille auf, die den Tunnelblick simuliert - ich sehe lediglich noch durch ein stecknadelgroßes Loch in der Mitte. Zu meiner Überraschung ist die räumliche Orientierung gut, auch wenn ich den Kopf natürlich viel bewegen muss. Keine Chance habe ich allerdings, eventuelle Hindernisse und Stolperfallen direkt vor meinen Füßen zu erfassen. Hätte jemand zum Beispiel einen Rucksack außerhalb meines deutlich eingeschränkten Blickfelds stehen lassen - ich wäre darüber gestolpert und vielleicht sogar gefallen.

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